Schlagwort-Archive: Literatur

Lichte Orks und schattierte Elfen

Die Ausgangslage ist eine Bekannte: Elaya wächst in Unkenntnis seiner Herkunft in armen Verhältnissen auf. Eines Tages trifft er auf einen alten Wegbegleiter seines Vaters, der ihm nicht nur offenbart wer er wirklich ist, sondern seinem Leben auch eine neue Richtung gibt. Also bricht Elaya aus seinem tristen Alltag auf, um gegen den bösen Zauberer – nennen wir ihn Gorgamel – anzutreten.

Er besiegt Drachen, rettet Dörfer, findet Zauberschwerter und kämpft sich durch Horden gesichtsloser und/oder deformierter Lakaien. Schließlich steht Elaya dem finsteren Zauberfürsten allein gegenüber, weil die Geschichte – er selbst natürlich nur zögerlich, alles andere würde dem Heldenideal widersprechen – ihn zum Auserwählten und Hoffnungsträger gemacht hat. Seine Freunde halten ihm den Rücken frei, während auf der Spitze eines Turms das personifizierte Licht auf die personifizierte Dunkelheit trifft.

Nun diese Form der Erzählung hat zugegebenermaßen etwas Staub angesetzt, doch sie bleibt immer noch greifbar. Sie ist etwas, nach dem sich Menschen sehnen. Elaya ist Joseph Campbells Held der tausend Gesichter. Elaya ist Harry Potter und Frodo. Er ist der Ritter, der die Prinzessin mit ihrer perfekten Fönfrisur aus den Klauen eines Drachen befreit, oder sich einen korrupten Politiker vorknüpft, der sich für intelligent hält, unseren Helden aber seinen Meisterplan bis ins Detail erläutert bis dieser sich mit der Nagelfeile durch drei Meter Steinwand gefeilt hat. Das Böse ist der Teufel und klar von Gott abzugrenzen und in seinem Namen zu zerschmettern. Säkularisiert (und in der Fantasy durch Elemente heidnischer Mythen paganisiert) findet sich diese Vorstellung in der Distinktion von Licht und Schatten oder von Ordnung und Chaos. Die Farbe Schwarz hat als Symbol der vagen Bedrohung durch das Chaos im Westen eine lange Geschichte. Sauron, Darth Vader, Decepticons. Immer trug der Teufel reichlich Lidschatten. Im Gegenzug wird das Gute mit dem Licht assoziiert. Das strahlende Licht Gottes, das Licht der Zivilisation/Aufklärung, die leuchtende Zukunft, das goldene Zeitalter, das lichtdurchflutete Paradies.

Was ist meine Antwort darauf? Tolkien ist so 1954. Warum? Weil es keine Helden gibt und auch keine Schurken und ich denke, dass es gerade in diesen Zeiten, in denen Fantasie über alternativen Fakten in unsere Wirklichkeit sickert, wichtig ist daran zu erinnern.

Wie wäre es mit einer anderen Geschichte?

Unser einfacher Bauernjunge Elaya ist nun ein einfacher Unternehmer, der noch einfacher gestrickt ist. Die Zeitungen und fragwürdige Internetforen sagen ihm, dass die Welt aus den Fugen geraten ist. Die Wissenschaftler und Journalisten erzählen, dass alles noch viel komplexer ist und man das hinnehmen muss. Das hält er für Unsinn: Man muss die Maschinerie „nur“ mal stoppen und reparieren, ihr den bösen Geist austreiben. Doch dafür muss er erst einmal ins Licht gezerrt werden. In jedem Windzug, der Blütenpollen auf sein vergoldetes Dienstauto weht, sieht er den bösen Geist am Werk. Er nennt ihn Gorgamel, ohne zu wissen, wer er ist und was er eigentlich damit zu tun hat. Im Radio hat er gehört, dass Arbeitsplätze wichtig sind und in Spielfilmen, dass Mauern für gewöhnlich nützlich sind, um Orks davon abzuhalten eine Grenze zu überqueren außer sie tragen Schwarzpulver bei sich. Unser Elaya denkt darüber nach, liest die Bücher, die ihn darin bestätigen, dass mit der Welt in der er aufgewachsen etwas nicht in Ordnung ist, während die Welt sich weiter dreht wie sie es schon immer getan hat. Der Kosmos interessiert sich nicht für ihn, doch er sieht sich bald an der Speerspitze der Auserwählten, die sich gegen einen Sturm stellen wollen, der noch nicht da ist, und förmlich darum beten, dass er dann doch kommt, nur damit sie unter Beweis stellen, dass die Maßnahmen, die er aus den Tiefen seiner Fantasie (oder dem Nachmittagsprogramm eines Privatsenders) geschöpft hat, nicht funktionieren und alles nur noch schlimmer machen.

Wer ist schuld? Natürlich die Schriftsteller, die das alles ganz anders erzählen, als er das eigentlich haben wollte. Er nennt die Gutmenschen naiv und setzt sich beleidigt in die Ecke, während die Welt hinter ihm wirklich zu brennen anfängt. Er beginnt selbst Bücher zu schreiben, nach (Rück-)Veränderung durch Ausmerzung zu schreien. Ausmerzung einer Bedrohung, die man nicht sehen kann, die er aber fühlt. Also muss sie existieren, denn nur wenn man fühlt kann man handeln und die Leute, die nur sehen, dass es brennt – nicht warum – und die TV-Spots (nein, Internet-Spots, TV-Spots wären ja Fake-News) verfolgen, die Elaya mit einem Wasserschlauch im Flammenmeer zeigen, beginnen Beifall zu klatschen, während Elaya mit einer Abrissbirne Errungenschaften von 200 Jahren einreißt.  Denn wir wissen alle: Von Neu zu beginnen ist ja besser als das bestehende Fundament zu erweitern. Wo gehobelt wird, da fallen nun mal Späne.

Hat schon so oft funktioniert in Geschichte …

„Helden“ in der Wirklichkeit existieren oft nur in den Köpfen derer, die nicht daran interessiert sind, diese Wirklichkeit auch zu verstehen oder sich selbst gern in einer glänzenden Rüstung sehen. Mit George R. R. Martins „A Song of Ice and Fire“ hat es eine Form von bodenständiger, nicht romantisierender Geschichte, die sich mit Ideen, mit Charakteren und Philosophien auseinandersetzt und dabei auch noch gut geschrieben ist. Westeros ist eine Welt, in der es keine Helden gibt und das ist auch gut so, denn die aufgeblasenen Egos davonflattern zu lassen macht mehr Platz für Menschen. Sie legt den Fokus auf das Verstehen, anstatt auf das Urteilen. In einer Welt der Helden ist jeder dem anderen ein Schurke.

Dichotomien von Schwarz und Weiß gehen weit über religiöse Metaphorik hinaus. Es ist einfach sich in Heldengeschichten zu verlieren, denn ein kosmischer Richterspruch scheint uns manchmal gerecht, selbst wenn man sie nur zur Unterhaltung liest oder als Spaßpolitik im lokalen Widerstandsverein veganer Hobby-Ideologen bei etikettiertem Club-Maté und eingeflogenem Avocadodip betreibt. Mit dem regelmäßigen Trip in die Karibik, um das im Internet adoptierte Patenkind einmal persönlich zu tätscheln, produziert man zwar mehr Treibhausgas als eine Rinderfarm, aber man hat ja zum Glück etwas über das man sich aufregen kann. Gutes zu tun ist gut, aber als Reaktion Hipster zu werden bringt genauso wenig wie mit Volksfahrrädern durch Dresden zu marschieren. Es gibt keine einfache Antworten. Das ist gleichzeitig der Helden größtes Erfolgsrezept und ihre größte Schwäche, denn ein Held kann die Welt nicht verändern. Komplexe Probleme verschwinden nicht, wenn man die Augen vor ihnen verschließt. Sie werden auch nicht kleiner, wenn man sie etwa wie die Kolonialpolitik Europas und Amerikas klein redet.

Sie verschwinden eben auch nicht, wenn man mit dem Knüppel solange drauf schlägt bis sich nichts mehr bewegt. Das verkrüppelte Gesicht des Orks in seiner Hässlichkeit und Primitivität ist verführerisch. Das Böse eines Jahrzehnts wird aus dem Amalgam der Gesellschaft herausdestilliert und etikettiert. Doch dadurch ändert sich nichts. In der Kontroverse, nicht in der Träumerei, liegt die Saat des wirklichen Fortschritts. Dekonstruktion und Perspektivenwechsel sind daher Werkzeuge der Veränderung, denen sich Künstler aller Art bedienen können. In der postmodernen Literatur geschieht dies auf zweierlei Weise: Durch dekonstruierenden Realismus und durch Satire.

So wie schon die Abenteuer von Don Quijote, der Windmühlen zu Drachen erklärt, sich selbst zum Ritter schlägt und allmählich dem Wahn verfällt anstatt die Welt zu retten und uns so zeigt, dass wir keine Helden brauchen, sondern Leute, die sich zwingen hinzusehen ohne zu übersehen. Unsere heutigen Windmühlen heißen Islam und Globalisierung. Die wahren Drachen sind die Geister der Vergangenheit, denen wir als Europäer nicht ins Gesicht sehen wollen oder können. Dabei können wir nicht auf eine göttliche Intervention hoffen. Wir müssen es ohne Heilsbringer schaffen und das geht auch. Kunst kann hier Abhilfe schaffen, indem sie die Schablonen seziert, die sich in unseren Köpfen festgesetzt haben, und mit Humor oder überspitztem Pessimismus präsentiert. In dieser Hinsicht kann die Literatur auch ein Nebenkriegsschauplatz der modernen Politik sein.

Ideen, deren Auflösung und Synthese, besitzen die Macht Bewusstsein zu verändern und damit, wie bei einem Messer, empfiehlt sich ein vorsichtiger Umgang. Sie sind die wirkliche Magie, die jedem Schriftsteller zur Verfügung stehen – nicht nur in der Science-Fiction sondern auch in der Fantasy.

In diesem Sinne: Macht eure Orks sympathisch und eure Elfen hässlich!

LeO

Dieser Artikel ist Teil einer Reihe initiiert von Mitgliedern des Tintenzirkelforums.

Vorheriger Artikel: http://www.janna-ruth.com/echte-charaktere/

Nächster: http://mearafinnegan.de/?p=860